»Eine Klangwelt, die den Hörer unmittelbar erreicht«

Michael Boder über Haas‘ Morgen und Abend



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Worum geht es in der Oper?

Boder: Das ist gar nicht so leicht zu beschreiben, was natürlich an dem Stück von Jon Fosse, Morgen und Abend, liegt. Der erste Teil betrifft nur die Geburt eines Menschen und der zweite betrifft nur den Tod dieses gerade geborenen Menschen. Das, was man das Leben nennt, oder was die Handlung hätte sein können, ist einfach weggelassen. Entsprechend konzentriert sich alles auf diese beiden Vorgänge. Man könnte sagen, dass es eine Art Meditation über die beiden Ränder des eigenen Lebens oder des Lebens überhaupt ist. Musikalisch hat Georg Friedrich Haas Klangräume geschaffen, in denen vieles bisher unerhört ist. Es ist immer schön, wenn die Neue Musik wirklich etwas Neues sagt und nicht einfach nur neue Tonfolgen bringt. Durch die Art wie Haas mit Harmonik umgeht, diese instrumentiert, aber auch verzerrt, schafft er eine ganz eigene Klangwelt. Es ist vor allem eine Klangwelt, die direkt zu dem Hörer spricht, ohne sich anzubiedern.

Von diesen Klangräumen hat auch Georg Friedrich Haas selbst gesprochen. Was bedeutet ein Haas’scher Klangraum?

Boder: Wir haben es ja mit einer Oper zu tun. Dort gibt es Sänger, ein Orchester und einen Chor. Man kann die Sänger so einsetzen, dass sie die Haupttransporteure des Inhalts sind und dabei vom Orchester begleitet werden. Oder aber das Orchester und der Chor schaffen eine Art Raum, in dem der Sänger dann etwas ganz anderes und eigenes macht. Das ist der Weg, den Haas gewählt hat, und deshalb spreche ich von einem Klangraum, in dem dann diese Oper, diese Handlung oder Nicht-Handlung, diese Meditation stattfindet. Georg Friedrich Haas hat, ich möchte fast so weit gehen, eine Art von paganem Sakralraum geschaffen, wenn es so etwas geben kann. Aber die Musik hat auch etwas von einer Andacht. Das legt das Thema der Oper ja nahe.

Haas‘ Musik verändert im Zuhörer geradezu unmerklich das Zeitempfinden

Ich möchte anhand von zwei Strukturelementen die Musik, wie sie Georg Friedrich Haas in seinem Werk einsetzt, charakterisieren. In der Oper ist ja, seit die Arien-Ensemblestruktur aufgegeben wurde, der so genannte »Große Bogen« oder besser das klare Formulieren des Dreierverhältnisses von Dauer, musikalischer Form und dramatischem Verlauf zur zentralen Aufgabe geworden. In Haas‘ Musik finden wir nun einerseits über viele Minuten andauernde Beschleunigungen und Verlangsamungen, die im Zuhörer geradezu unmerklich das Zeitempfinden verändern. Als würde man gezwungen, ein fremdes Zeitgefühl anzunehmen. Das ist sehr nahe am Thema des Sujets. Geht es doch darum, sich in den Lebensverlauf eines anderen Menschen gleichsam einzufühlen. Andererseits gibt es in der Behandlung der tonalen Empfindung einen parallelen Prozess: Über lange Dauer hört man eine chromatische Linie nach unten. Durch die Dauer verliert man vollkommen den tonalen Bezug. Übrig bleibt ein stetiges, langsames inneres Abrutschen, als versänke man unaufhaltsam im Treibsand – auch dies ist sehr nahe an der Gedankenwelt Jon Fosses.

Die Sänger haben eine enorme Plastizität in Haas‘ Oper.

Könnten Sie die Beziehung zwischen den Sängern und dem Orchester beschreiben?

Boder: Dadurch, dass die Sänger größtenteils nicht mit dem Orchester oder den Musikern gemeinsam singen, gewinnen sie natürlich eine enorme Plastizität, die sehr interessant und sehr berührend ist. Es gibt ein paar Stellen, wo die Sänger mit dem Orchester singen, da ist dies jedoch ganz bewusst eingesetzt. Im Großen und Ganzen machen die Sänger etwas ganz eigenes.

Die Mikrotonalität, die Haas in diesem Werk eher vorsichtig einsetzt, korrespondiert hier ganz theatralisch mit Situationen, in denen zwei Sänger gleichsam aneinander vorbeisingen, ohne sich gegenseitig zu sehen oder hören. Dies ist sehr sinnfällig. Insgesamt erstaunt an diesem Werk die klare und entschiedene Einfachheit in der Wahl der strukturellen Mittel. Man könnte an Bruckner denken. Wahrscheinlich ist es dieser Entscheidung von Haas zu verdanken, dass seine Musik den Hörer unmittelbar erreicht. Auch wenn dieser nicht genau weiß wie und warum.


Interview: Sarah Laila Standke
London, November 2015
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