»Ich habe nie daran gezweifelt, dass ich komponieren möchte«

Vykintas Baltakas im Porträt

von Sarah Laila Standke


PDF herunterladen
Per E-Mail senden

© Marion Kalter
Vykintas Baltakas

»Ich habe nie daran gezweifelt, dass ich komponieren möchte. Musik war schon immer in meinem Leben und ich habe sehr früh damit angefangen, kompositorische Ideen und Skizzen zu entwerfen«, erzählt Vykintas ­Baltakas. 1972 in Vilnius, Litauen, geboren entstammt er einer Musikerfamilie. Nach dem Studium an der Musik­akademie in Vilnius kommt er an die Hochschule für Musik Karlsruhe, um Komposition bei Wolfgang Rihm und Dirigieren bei Andreas Weiss zu studieren.

Bald tritt er in Kontakt mit Peter Eötvös, der zu dieser Zeit das Institut für Neue Musik in Karlsruhe leitet, und wird bei ihm über mehrere Jahre seine Kenntnisse im Dirigieren und Komponieren vertiefen.

Im Jahr 2007 erhielt der heute in Belgien lebende Komponist den Förderpreis der Ernst von Siemens Musikstiftung. 2009 gründete Baltakas das Lithuanian Ensemble Network, das er seitdem leitet und mit diesem auch seine eigenen Werke interpretiert. Mehr als 20 Kompositionen von Vykintas Baltakas befinden sich mittlerweile im Katalog der UE, darunter Werke, die für das Ensemble Modern, das Klangforum Wien, das Arditti Quartet und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks entstanden sind.

Komponieren und Dirigieren haben für Vykintas Baltakas von Anfang an zusammengehört. »Das bereichert sich gegenseitig sehr stark und für mich sind das eigentlich zwei Seiten der gleichen Sache: des Musiker-Seins. Ich brauche dies innerlich. Es reicht mir nicht, Stücke nur zu komponieren, ich möchte auch die Möglichkeit haben, dabei zu sein, auf der Bühne zu stehen und zu beeinflussen, wie etwas gespielt wird.« Dies schlägt sich auch in seinem kompositorischen Prozess nieder: »Ich kann nicht komponieren, ohne eine Interpretation mitzudenken. Umgekehrt kann ich nicht interpretieren ohne dieses kompositorische Denken. Das, was daraus entsteht, ist ein Zusammenspiel zwischen der Musik und mir. Ich bin kein Komponist, der alles beeinflusst, was er schreibt. Ich lasse mich durch die Musik bereichern, gebe bestimmte Impulse, verändere das Material in eine bestimmte Richtung und höre dann zu und analysiere, was passiert. Es ist wie ein Ping-Pong-Spiel mit der Musik. Ich versuche, den ›Geschmack des Klanges‹ zu fühlen. Das, was ich am interessantesten finde, sind stets die Dinge, die ich noch nicht kenne, die die Musik mir schenkt.«

Das Jahr 2013 ist für Vykintas Baltakas geprägt von gleich vier Uraufführungen. Im Januar fand zusätzlich die Erstaufführung der revidierten Fassung seines Musiktheaters Cantio erstmalig in deutscher Sprache beim Ultraschall Festival in Berlin statt.

Cantio, am 18. Mai 2004 im Rahmen der Münchener Biennale uraufgeführt, ist das erste und bisher einzige Musiktheaterwerk des Komponisten. Er selbst bezeichnet es als »Theaterkunstwerk«, das sich zum einen mit Rhetorik beschäftigt und zum anderen mit der Frage, warum in der Oper, im Musiktheater überhaupt gesungen wird. Das Werk lebt von Sprache, vom Spiel mit Worten und von der Verbindung des gesprochenen Wortes mit Musik, mit Klang und schließlich mit Gesang. Keines dieser Elemente spielt in Cantio eine übergeordnete Rolle, vielmehr beschäftigt sich alles mit der einen existen­tiellen Frage, die die vom Verständnis der griechischen Antike geprägte Ausgangsidee des Werkes bildet: Was wäre, wenn die Götter die Stadt verlassen würden, um in die Welt hinauszuziehen? »Natürlich gibt es auf diese erste Frage, was wäre, wenn einen der Grund des Daseins verlassen würde, keine Antwort, aber es ist wichtig, dass man diese Frage stellt. Das passiert in Cantio

Komponieren und Dirigieren haben für Baltakas von Anfang an zusammengehört.

Sarah Laila Standke

Bei den Wittener Tagen für Neue Kammermusik wurde Ende April Baltakas‘ neueste Komposition uraufgeführt: Saxordionphonics, ein Doppelkonzert für Akkordeon, Saxophon und Kammerorchester, entstanden im Auftrag des WDR.

Akkordeon und Saxophon sind zwei Instrumente, die häufig in Baltakas‘ Kompositionen vorkommen. Worin liegt für ihn die klangliche Faszination? »Wahrscheinlich ist es diese bestimmte Schärfe des Klanges. Akkordeon ist ein Instrument, das früher sehr unterschätzt wurde, aber unglaublich große Möglichkeiten bietet. Es passt mit allen Instrumenten zusammen, es funktioniert in jeder Besetzung wunderbar. Es kann wie ein Blasinstrument, wie eine Orgel oder wie ein Streichinstrument klingen, doch es bleibt immer ein Akkordeon. Artikulation und Spielweise sind irgendwo in jeder dieser Gruppen verankert. Akkordeon und Saxophon liegen klanglich sehr nahe beieinander und werden durch das Orchester eigentlich erst wirklich ausgebreitet.«

Als nächstes wird Vykintas Baltakas ein Werk für das Scharoun Ensemble komponieren, das am 28. August 2013 in Salzburg zum ersten Mal erklingen wird. Er erhielt, wie auch die UE-Komponisten Jay Schwartz und Johannes Maria Staud, einen Auftrag der Salzburg Foundation. Die Komposition soll in der Auseinandersetzung mit einem durch das Kunstprojekt Salzburg realisierten Kunstwerk entstehen. Im Falle von Baltakas ist dies die Lichtinstallation Beyond Recall der österreichischen Künstlerin Brigitte Kowanz, die auf der Staatsbrücke in Salzburg zu sehen ist.

»Bevor ich nach Salzburg fahre, um das Kunstwerk zu studieren, versuche ich ganz bewusst, meine Ideen zu stoppen, um im Voraus nicht zu viel zu denken und das Kunstwerk dann bloß als Alibi zu sehen. Ich möchte mit dem Kunstwerk in Beziehung kommen«, schildert Baltakas seine Herangehensweise an diese neue Komposition. »Ich habe einen ähnlichen Prozess bereits mit meinem Stück für Ensemble und Elektronik Lift to Dubai erlebt, das im Rahmen des »into…«-

Projektes des Ensemble Modern und des Siemens Arts Program entstanden ist. Verschiedene Komponisten [Anm.: darunter auch die UE-Komponisten Luke Bedford und David Fennessy] lebten einen Monat lang in unterschiedlichen Metropolen – in meinem Fall war dies Dubai – und sollten dann aufgrund dieser Erfahrung ein Stück schreiben. Natürlich habe ich im Vorhinein bereits über Dubai und die arabische Welt nachgedacht und alle möglichen Ideen gehabt. Doch diese habe ich bereits nach einem Tag in Dubai verworfen, weil der Eindruck dort ein ganz anderer war. Ich bin sehr glücklich, dass ich das alles weggeworfen habe, weil das nichts mit Dubai zu tun hatte. Bei der Komposition für Salzburg geht es mir ähnlich, ich möchte ehrlich sein und mich tatsächlich mit dem Kunstwerk auseinandersetzen. Und es gibt nicht nur das Kunstwerk, es gibt auch die Umgebung, den Kontext, in dem das Kunstwerk steht. Das alles hat einen großen Effekt und ich weiß nicht, was mich am meisten beeinflussen wird. Ich habe keine Ahnung, wo meine Aufmerksamkeit hingehen wird, vielleicht werde ich tatsächlich etwas zu der Umgebung des Kunstwerkes komponieren.«