Jiří Zahrádka über die kritische Ausgabe der Sache Makropulos

»Der Verlag hat das Glück, dass ihm wirklich alle Quellen zur Verfügung stehen.«



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Herr Zahrádka, könnten Sie uns diesen besonderen Ort beschreiben, an dem wir uns befinden?

Zahrádka: Wir befinden uns hier in Janáčeks Haus, wo er von 1910 bis zu seinem Tod im Jahre 1928 gelebt und wo er seine Oper Die Sache Makropulos geschrieben hat. Er hat sie auf diesem Klavier von Ehrbar aus dem Jahr 1878 komponiert. Es war sein Hochzeitsgeschenk, dem er sein ganzes Leben treu geblieben ist.

Auf welchen Quellen basiert die kritische Ausgabe von Die Sache Makropulos?

Zahrádka: Die kritische Ausgabe von Janáčeks vorletzter Oper Die Sache Makropulos berücksichtigt alle Editions-Standards, die von der Universal Edition gefordert werden. Dies bedeutet, dass das Werk, also diese Ausgabe, Janáčeks Absichten so getreu wie möglich sein sollte. Eine kritische Ausgabe sollte keine der späteren Änderungen sowie der Kompromisse beinhalten, die in die Partitur eingetragen wurden. Zum Beispiel, was die Extremlagen der Instrumente betrifft – die höchsten Oktaven für Violinen, die Forderung nach einem fünfsaitigen Kontrabass, und so weiter. All dies sollte in der Ausgabe berücksichtigt werden, sodass sie so weit wie möglich den Vorstellungen des Komponisten entspricht. Natürlich ist dafür eine Vielzahl von Quellen erforderlich. Die UE nutzt für die kritische Ausgabe alle vorhandenen Quellen.

Der Verlag hat das Glück, dass ihm wirklich alle Quellen zur Verfügung stehen. Dazu gehört nicht nur das Partiturautograf Janáčeks, sondern auch die erste Abschrift von Sedláček, in die Janáček seine Korrekturen eintrug und die er dann an die UE sandte. Es gibt auch die Brünner Partitur – das ist jene Partitur, welche für die Premiere in Brünn verwendet wurde. Die UE hat auch das Original von Kunderas Klavierauszug sowie dessen Abschriften, auch die, die bei den Proben für die erste Produktion zum Einsatz kamen. Es gibt auch Bürstenabzüge vom ersten Klavierauszug, Janáčeks Korrekturen, die an die UE geschickt wurden und drei Versionen von Janáčeks Libretto, bei dem es sich um eine adaptierte Fassung von Čapeks Drama handelt. Das alles wurde in der kritischen Ausgabe von der UE berücksichtigt. Also die Ausgabe berücksichtigt so weit wie möglich alle verfügbaren Unterlagen, und die Partitur wurde so auf die Art und Weise erstellt, wie sich das Janáček wohl vorstellen würde. Ohne Kompromisse.

Die Ausgabe berücksichtigt so weit wie möglich alle verfügbaren Unterlagen, und die Partitur wurde so auf die Art und Weise erstellt, wie sich das Janáček wohl vorstellen würde. Ohne Kompromisse.

  • Janáčeks Autograf

  • Sedláčeks Abschrift

  • Kulháneks Abschrift

Können Sie uns ein Beispiel geben, wie man mit Quellen arbeitet?

Zahrádka: Hier ein kleines Beispiel: Dies ist die erste Seite von Janáčeks Autograf von Die Sache Makropulos, und hier ist die zweite Abschrift von Jaroslav Kulhánek, das war die Partitur des Dirigenten, die bei der Premiere verwendet wurde. Und hier können wir sehen, dass diese beiden Handschriften voneinander abweichen. Zum Beispiel gibt es keine Pauken in der Brünner Partitur. Es gibt sie aber in Sedláčeks erster Abschrift – die in Wien liegt. Dies bedeutet, dass keine Pauken in der Original-Partitur für die Premiere in Brünn enthalten sind. Die Diskrepanz zwischen diesen Quellen ist sehr bedeutsam, und man muss beurteilen, ob dies ein Fehler oder ein Versehen war oder ob es einen Wandel in Janáčeks Denken über diese Arbeit gegeben hat. Man muss auch beachten, dass Janáček, nachdem er das Ergebnis seiner Arbeit gehört hatte, einige Korrekturen vorgenommen hat – auch nach der Premiere. Er hat diese Korrekturen nicht in der Brünner Partitur vorgenommen, sondern sie gleich nach Wien geschickt, wo sie in Sedláčeks Abschrift eingetragen wurden, gleichzeitig auch in die Abschrift, die im Jahr 1926 erstellt wurde. Dies bedeutet, dass die UE über noch eine Abschrift aus jener Zeit verfügt, die auch in der kritischen Ausgabe eingearbeitet wurde. Im Jahr 1928 konnte die UE jedoch nur den ersten Akt herstellen, denn die Partitur war dann von Wien nach Prag unterwegs, wo der Schreiber Sedláček erneut ein paar Änderungen eintrug. Danach wurde sie von Otakar Ostrčil für die Prager Inszenierung verwendet.

Und selbstverständlich basiert diese Ausgabe auf den Erfahrungen aus der ersten Aufführung. Dies bedeutet, dass hier einige Änderungen und Alternativen berücksichtigt wurden, die von František Neumann – dem hervorragenden Dirigenten von Janáčeks Werken, dessen Kunst Janáček sehr geschätzt hat – vorgenommen wurden. Und auch mit der zweiten Aufführung unter Otakar Ostrčil war Janáček sehr zufrieden – z. B. in Bezug auf einige Tempiwechsel und so weiter – sie sind auch in der Partitur vermerkt, in den Fußnoten.

Es stellt sich auch die wichtige und komplizierte Frage der Dynamik. In seinem Autograf und auch in der ersten Abschrift macht Janáček nur sehr allgemeine Dynamik-Angaben. Janáčeks Dynamik ist immer sehr expressiv, entweder »grand forte« oder »pianissimo«. Aber bei Janáček wird forte in 90 % der Partitur verwendet, was natürlich völlig unzweckmäßig ist. Die Anpassungen in der Dynamik wurden bei den Proben für die erste Aufführung gemacht.

Leoš Janáček war bei den Proben seiner neuen Werke immer dabei und gemeinsam mit František Neumann revidierte er die Dynamik. Und so schuf František Neumann für die ganze Oper eine sehr gute Dynamik- und Phrasierung-Angaben und Janáček war sehr zufrieden. Er schrieb auch an die Universal Edition, dass die Dynamik mustergültig war und in dieser Weise verwendet werden sollte. Das wurde aber später vergessen und mehr und mehr Schichten überlagerten Neumanns Dynamik, die wir in dieser Ausgabe wieder frei gelegt haben. Das bedeutet, diese Ausgabe verwendet die Dynamik-Angaben, die von Janáček genehmigt wurden.

Die Diskrepanz zwischen diesen Quellen ist sehr bedeutsam, und man muss beurteilen, ob dies ein Fehler oder ein Versehen war oder ob es einen Wandel in Janáčeks Denken über diese Arbeit gegeben hat.

Wie berücksichtigt die Ausgabe die Vorschläge von Sir Charles Mackerras in Bezug auf die Interpretation dieses Werkes?

Zahrádka: Da Sir Charles Mackerras der bedeutendste Dirigent des 20. Jahrhunderts von Leoš Janáčeks Werken war und er selbst die redaktionelle Arbeit für diese Oper machte, wurden seine Empfehlungen in dieser Ausgabe berücksichtigt und an einigen Stellen befinden sich in den Fußnoten die Lösungen, die von Sir Charles Mackerras empfohlen wurden.

Man muss bedenken, dass Die Sache Makropulos eine sehr anspruchsvolle und schwierige Oper ist, und an einigen Stellen ist sie an der Grenze der Spielbarkeit oder vielmehr schon jenseits davon. In der interpretatorischen Praxis werden diese Stellen verschieden behandelt. Sie wurden bereits unterschiedlich gelöst: durch František Neumann bei der Premiere in Brünn, durch Otakar Ostrčil, sowie im ganzen Zeitraum danach, vor allem in den 1960er und 1970er Jahren. Auch Sir Charles Mackerras hat diese Stellen auf seine Weise gelöst. In dieser Ausgabe vermerke ich diese Empfehlungen in der Regel als Ossia-Stellen als Vorschläge oder Vereinfachungen oder nur in den Fußnoten, die dann angeben, wer dahinter steht: František Neumann, Otakar Ostrčil oder Sir Charles Mackerras. Und es ist dann Sache des Interpreten oder des Dirigenten, welche Vereinfachung oder Annäherung an eine bestimmte Stelle verwendet wird. Wenn sie dies nicht möchten, können sie sich brav an Janáčeks Original halten, was natürlich das Beste wäre.

Die von Sir Charles Mackerras empfohlenen Lösungen befinden sich in den Fußnoten.

Die Übersetzung des Librettos von Max Brod hat auch verschiedene schöpferische Phasen durchlaufen. Wie hat sich die kritische Ausgabe mit diesem Hergang auseinandergesetzt?

Zahrádka: Diese Ausgabe stützt sich auf die erste deutsche Übersetzung der Oper von Max Brod. Man muss bedenken, dass die Beziehung zwischen Janáček und Brod zu jener Zeit nicht sehr gut war; sie haben sehr viel über das Libretto gestritten. Brod schlug sogar einige kleine Änderungen im tschechischen Libretto vor, die Janáček akzeptierte und die sogar in der ersten gedruckten Ausgabe erschienen. Aber nachdem Max Brod eine wenig schmeichelhafte Rezension über Janáček und dessen Uraufführung veröffentlicht hatte, wurde Janáček gegenüber Brod noch wütender und sagte, dass alles nach seinen Wünschen zu erfolgen hat und dass alle Änderungen von Brod gelöscht werden müssen. Schließlich haben sie sich aber wieder versöhnt. Die Fragen in Bezug auf die Übersetzung, auf einige dramaturgische Änderungen und auf Änderungen im Libretto sind sehr komplex und bleiben unklar. Solche Fälle bieten erneut zwei Alternativen als Ossia-Stellen an: eine Option und die Argumente dafür so und so; oder eine andere Version kann verwendet werden und die Argumente für diese Version sind so. Und wieder kommt es auf die Inszenierung an, welche Version gewählt wird.

Die Ausgabe nutzt die Dynamik-Angaben die von Janáček genehmigt wurden.

Sie haben die kritische Ausgabe von Die Sache Makropulos den ganzen Weg bis zu deren Uraufführung im Rahmen des Janáček-Festivals Brünn 2014 begleitet.

Zahrádka: Wenn möglich, verbinde ich meine Ausgaben für die UE immer mit einer ersten Aufführung in Brünn. Teilweise deswegen, weil das Orchester vor Ort große Erfahrungen mit Janáček hat, aber auch, weil ich aus Brünn bin und daher an der Produktion beteiligt sein kann. Da es sich um die erste Aufführung dieser Ausgabe handelt, bin ich bei allen Orchesterproben zugegen, korrigiere Dinge, beobachte, wie sich die Dynamik verändert, und korrigiere eventuelle Fehler. Ich bin also von Anbeginn bis zur Premiere am Prozess beteiligt.


Interview: Jana Gajdošíková
Brno, November 2014
(c) Universal Edition