Lívia Obručník Vénosová über Foersters Eva

»Ich bereue keine Sekunde, die ich investiert habe.«



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Wie reagierten Sie auf das Angebot, die Eva in der gleichnamigen Oper von Josef Bohuslav Foerster zu verkörpern? Das Werk ist in der tschechischen Opernszene fast unbekannt und wurde im Jahr 1981 zum letzten Mal aufgeführt.

Obručník Vénosová: Ich gehöre zu jenen Sängerinnen, die gerade daran Spaß haben. Etwas, das entweder selten aufgeführt wurde oder niemand machen will, weil man dafür wenig Geld bekommt oder es nicht oft auf dem Spielplan steht. Ich glaube, dass einer Sängerin eine Rolle wie die der Eva nur einmal im Leben angeboten wird. Ich bereue keine Sekunde, die ich investiert habe und bin dem Leading Team der Oper Liberec wirklich dankbar für dieses Angebot und die Möglichkeit, die Rolle zu übernehmen.

Mit ihrer suggestiven und ergreifenden Regie brachte Linda Keprtová den Zuschauern das dramatische Leben des Waisenkindes Eva näher, das sich nach der wahren Liebe sehnt. War es auch für Sie selbst überraschend, wie emotional sich die Geschichte dieser ‘Unbekannten’ entwickelte?

Obručník Vénosová: Emotional hinterließ jede Probe, jede Aufführung von Eva Spuren in mir. Eva sprach mich an, Eva hüllte mich ein.

Erlagen Sie Evas Charme?

Obručník Vénosová: Ja!

Wie ist Eva?

Obručník Vénosová: Eva ist stolz, schön, fleißig und sehr verliebt. Sehr verliebt. Sie versucht ihr Leben richtig zu leben, sie sucht ihren eigenen Weg. Ich mag diesen Satz: »Wie viel Leid und Schmach erleb‘ ich ob der ungefragten Liebe.« Manchmal findet uns die Liebe, obwohl wir gar nicht nach ihr suchen. Und diese Liebe kann so fesselnd, so stark und so schmerzhaft sein, dass sie einem Menschen weh tut. Es ist eine wunderschöne Geschichte. Eva liebt wirklich, sie folgt der Stimme ihres Herzens, ist rebellisch. Man könnte sagen, dass sie auch dafür bezahlt, aber sie bleibt sich selbst treu.

Emotional hinterließ jede Probe, jede Aufführung von Eva Spuren in mir. Eva sprach mich an, Eva hüllte mich ein.

In der Regie von Linda Keprtová ist Erde ein wichtiges szenisches Element. Eva wühlt ständig darin, sie arbeitet damit. Was symbolisiert die Erde in Eva?

Obručník Vénosová: Linda Keprtová setzt das Material Erde mit dem Leben gleich. In der Erde steckt das Leben und aus dieser Erde will Eva etwas Schönes, etwas Eigenes gestalten. Es ist eigentlich ihr einziges Requisit, womit sie am meisten arbeitet. Die Erde ist die Basis des Seins, die Basis des Lebens. Vieles bleibt unausgesprochen und auf den ersten Blick ist manches vielleicht nicht ganz offensichtlich. Eva möchte in ihren Blumentöpfen etwas Schönes zum Wachsen bringen, aber aus der Erde kommt nichts. Nichts. Linda Keprtová verwendet gerne Symbole. Eva will etwas in den Töpfen aufziehen, aber am Ende des dritten Aktes schüttet sie die Erde aus und es ist nichts darin gewachsen.

Wie war für Sie die Zusammenarbeit mit dem Produktionsteam von Eva? Waren Sie begeistert von Foersters Musik?

Obručník Vénosová: Wir dachten eigentlich alle: »Foerster, eine tschechische Oper, das lernen wir schnell.« Ganz so einfach war es aber nicht. Alle Teile wurden wie ein Mosaik zusammengesetzt, sogar die Orchester- und Klavierproben. Trotzdem sind wir alle zu einem erfolgreichen Ende gekommen. Ich weiß, dass jeder von uns viel Arbeit investiert hat und wir bekamen nichts geschenkt, obwohl wir der Meinung waren, dass wir nach wenigen Proben Intonation und Rhythmik gut beherrschen würden.

Linda Keprtová wollte Ihnen sicher nichts ohne entsprechenden Einsatz geben. So, wie sie den Charakter der Eva und die Psychologie der Oper durchleuchtet hat ...

Obručník Vénosová: Sie ist eine richtige Philosophin. Über diese Geschichte dachte sie lange nach und gab schlussendlich ihr Bestes. Vielleicht kommt Ihnen die Sache mit der Erde komisch vor oder Samko, der nur herumsitzt ... Wie sollte er Eva und Mánek erwischen, wenn die zwei zusammen sind, wenn er immer nur dort sitzt? Wir stellten uns viele Fragen und versuchten sogar, Linda zu überreden, aber immer überzeugte sie uns und zeigte uns, wie gut sie alles durchdacht hatte. Sie hat uns wirklich überzeugt. Es ist ja logisch: Eva kommt zur Türe herein und es sieht aus, als würde sie Samko die Türe öffnen, indem sie ihm selbst den Hut abnimmt. »Du niederträchtiges Weib, wer war hier, Mešjaných Mánek.« Damit beginnt der Konflikt. Wie kann es denn überhaupt zu einer Auseinandersetzung kommen, wenn er fortwährend, die ganze Oper hindurch, auf einem Sessel sitzt?

Sie sind selbst zweifache Mutter. Das Thema des verstorbenen Kindes ist eines der Schlüsselthemen des Werks. Glauben Sie, dass man für die Rolle der Eva emotional reif sein muss?

Obručník Vénosová: In Pilsen sang ich die Rolle der Suor Angelica in Giacomo Puccinis Oper. Damals war ich sorglos, hatte noch keine Kinder und musste die Emotionen der Mutterschaft für mich selbst simulieren. Jetzt, als Mutter von zwei Kindern, kann ich die eigene Emotionen einbringen, weil ich weiß, was es heißt, Mutter zu sein, was es einer Frau abverlangt und welche Emotionen sie durchlebt, wenn sie ein Kind hat, was das für ein Geschenk ist und welches Glück es bringt. Ich will mir nicht einmal vorstellen, welche Gefühle eine Frau durchleben muss, wenn sie ihr Kind verliert. Das kann ich mir nur ausmalen, obwohl ich es jetzt besser verstehe.


Interview: Jana Gajdošíková
Prag, September 2014
© Universal Edition