Rituel in memoriam Bruno Maderna

Pierre Boulez: Rituel in memoriam Bruno Maderna für Orchester in 8 Gruppen



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für Orchester in 8 Gruppen | 27'
4 4 5 4 – 6 4 4 0 – Schl(9), Asax, Vl(6), Va(2), Vc(2)
Uraufführung: 02.04.1975, Royal Festival Hall, London; BBC Symphony Orchestra, Dir. Pierre Boulez

Das französische Wort Ritual bezeichnet den Ablauf eines religiösen Kultes und – wenn dieser mit Musik verbunden ist – die adäquate Koordination von klanglichen und verbalen Ausdrucksmedien. Der Titel wurde gewählt, um dem 1974/75 komponierten Orchesterwerk die Bedeutung einer Totenfeier zu geben, die dem Andenken des am 13. November 1973 verstorbenen italienischen Komponisten und Dirigenten Bruno Maderna gewidmet ist. Darauf weisen die Worte hin, die Boulez selbst seiner Komposition voranstellt:

ln ständigem Wechsel: gleichsam Psalmverse und Responsorien einer imaginären Zeremonie.

Es ist eine Zeremonie der Erinnerung: daher die vielen Wiederholungen immer gleicher Formeln, wobei sich dennoch Umrisse und Perspektiven wandeln.

Es ist eine Zeremonie des Erlöschens, ein Ritual des Verschwindens und des Überlebens: so prägen sich die Bilder der musikalischen Erinnerung ein – sind gegenwärtig und abwesend zugleich, in einem Zwischenreich ...

Pierre Boulez

Es ist schwer zu sagen, ob die Rückkehr zu zahlreichen Ordnungselementen der Musik, wie sie hier geübt wird, ausschließlich im Zusammenhang mit dem Titel und dem von Boulez formulierten Programm steht, also ephemer bleibt, oder ob der französische Komponist nach einer längeren Periode, in der er aleatorischen Mitteln den Vorzug gab, nunmehr endgültig an seine durchkonstruierten Jugendwerke anschließt. Jedenfalls ist in diesem Werk nicht nur die groß formale Disposition genau organisiert, sondern auch die Struktur der kleingliedrigen Zusammenhänge. Am deutlichsten wird diese Durchstrukturierung in der zeitlichen Dimension, die durch viele Schlaginstrumente unterteilt wird, wobei neben Gongs, Tamtam, Tempelglöckchen und dergleichen besonders auch die indische Handtrommel Tabla auffällt, die ja auch in der Musik ihres Ursprungslandes zum Markieren von unregelmäßigen, für europäische Sinne überkomplizierten Rhythmen benutzt wird.

Charakteristisch für dieses Werk ist ferner das Nebeneinander­ Herlaufen von verschiedenen Zeitströmen unterschiedlicher Beschaffenheit. Diese rhythmische Heterophonie, die zu Unschärfen im vorausberechneten Zusammenklang der Stimmen führt – und konsequenterweise auch dazu, dass diese häufig nicht zusammen ihren Abschnitt beschließen –, ist vielleicht als bleibendes Resultat aus der persönlichen Befassung des Komponisten mit Zufallsmanipulationen zu verstehen.


(Wiener Konzerthaus, 3.12.1976, Programmheft)