Simon Rattle über Pierre Boulez

»Einer der größten Komponisten unserer Zeit und darüberhinaus.«



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Wer ist Pierre Boulez für Sie?

Rattle: Es gibt sehr viele Menschen, die über Pierre als herausragenden Komponisten und als Berühmtheit sprechen können, ebenso wie darüber, welchen Einfluss er sowohl auf das 20. als auch auf das 21. Jahrhundert ausübt. Ich selbst kann nur aus einer sehr, sehr persönlichen Sichtweise sprechen, denn es wird mir gerade bewusst, dass ich Pierre seit genau 45 Jahren kenne; es trennen uns 30 Jahre Altersunterschied. Seitdem ich ihn als 15-jähriger erstmals traf, ist er wirklich durchgehend Teil meines Lebens gewesen.

Ich denke dass wir alle, bis heute, uns an die Farben erinnern, die er uns in Webern vermittelte.

Man kann wahrscheinlich behaupten, dass ich ein merkwürdiger Musiker war und immer noch bin, aber als Teenager waren die drei Dirigenten, die ich am meisten verehrte, Giulini, Kubelík und Boulez. Wenn ich sie ansehe, könnten die drei unterschiedlicher wohl nicht sein. Aber für alle von uns war Pierre Boulez damals eine außergewöhnliche Art von Licht in der Dunkelheit. Als Teenager war die Aussicht, dass ich die Gelegenheit haben sollte, im National Youth Orchestra mit ihm zu arbeiten, schier unglaublich.

Was war Ihr erster Eindruck von Boulez?

Rattle: Wir neigen dazu, zu vergessen, wie sehr Pierre die Spielweise jedes einzelnen verändert hat, eine ganze Bandbreite von Musik. Als ich zum Beispiel als Teenager aufwuchs, wurde die Zweite Wiener Schule zwar schon aufgeführt, aber man fand sie so schwierig und was man hörte, war nur ein Kampf. Pierre hat uns allen beigebracht, was sie bedeutet, nicht nur hinsichtlich der Klarheit, sondern auch unter dem Aspekt der Farbe. Und woran wir uns alle erinnern, die wir als junge Musiker im National Youth Orchestra mitwirkten, ist nicht nur sein außergewöhnlicher Verstand und sein legendäres Gehör, was uns beides sehr einschüchterte, sondern auch die Menschlichkeit, der Humor.

Seitdem ich ihn als 15-jähriger erstmals traf, ist er wirklich durchgehend Teil meines Lebens gewesen.

Ich denke dass wir alle, bis heute, uns an die Farben erinnern, die er uns in Webern vermittelte, Vorstellungen wie zum Beispiel... an einer Stelle eine Uhr, die stetig abläuft, an einer anderen Stelle wollte er, dass es wie letzte Wassertropfen, die aus einer Flasche kommen, klingt... als wir zum Beispiel an La Mer von Debussy arbeiteten, erzählte er uns über diese erstaunliche Bewegung eines Fisches, der sich schnell bewegt und plötzlich stoppt. Ich verbinde mit Pierre hauptsächlich Dinge, die überraschend und unmittelbar sind, die Unterbrechung und Stopp entstehen lassen. Vielleicht kann das auch als Metapher für seine Arbeit gelten.

Wann haben Sie ihn zum ersten Mal getroffen?

Rattle: Mit 15 Jahren hatte ich geplant, etwas aufzuführen, was damals als sein absolutes Meisterwerk galt, Le Marteau sans maître. Er schenkte mir eineinhalb Stunden seiner Zeit, um mich mit unglaublich geduldiger Genauigkeit durch die Partitur zu führen. Bis heute werfe ich mir selbst vor, dass ich nicht wirklich wusste, welche Fragen ich ihm stellen sollte; aber ich fing an und hielt mich so ziemlich genau an alles, was er gesagt hatte.

In den darauffolgenden Jahren blieben wir in enger Verbindung. Ich lebte in London, besuchte viele seiner Proben und beobachtete ihn schlicht dabei, wie er Generationen von Musikern unterrichtete – welch tiefes Verständnis er von den Partituren seines Repertoires hatte.

Ich begleitete auch seine Auditionen öfter am Klavier. Er war immer sehr herzlich, sehr freundlich – für mich einer der besten Kollegen, den man sich wünschen kann.

Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ich dann eines Tages zum Abendessen bei ihm sein würde, in seinem Heim in Baden-Baden, an diesem außergewöhnlichen, fast schmucklosen Ort, an dem aber – so weit ich zählte – neun Mirós, zwei Paul Klees an der Wand hängen. Bezeichnenderweise meinte Pierre zu mir: »Aber nein, nein, ich bin kein Sammler, wirklich nicht. Das sind nur Dinge, die ich von Leuten geschenkt bekam.« Während er das sagte bemerkte ich die Widmung auf einem der Bilder »Für Pierre Boulez, in aufrichtiger Bewunderung, von Joan Miró.« Es ist durchaus bemerkenswert, wer ihm diese Bilder geschenkt hat.

Er veränderte die Musik, er veränderte Denkweisen, er veränderte die Struktur unseres Musikbusiness. Viele seiner Ideen, die er umsetzte und die revolutionär wirkten, sind heute tatsächlich Teil unseres Musiklebens.

Können Sie uns über Boulez und die Berliner Philharmoniker erzählen?

Rattle: Etwas, das mich mit großem Stolz erfüllt ist, dass ich mit den Berliner Philharmonikern die Beziehung zu Pierre wiederaufleben lassen konnte, von der ich weiß, dass sie in der Zeit davor fruchtbar aber schwierig war. Ich betrachte es als großes Glück für uns, dass wir in den vergangenen Jahren noch einige Konzerte zu sehr, sehr wichtigen Anlässen mit ihm hatten. Ich denke, dass diese Konzerte mit all den unterschiedlichen Orchesterstücken, 4 Stücke, 5 Stücke und so weiter, von Bartók, Webern, Schönberg und Berg für alle unvergesslich bleiben werden.

Bemerkenswert ist auch, dass Pierre eigentlich ein richtiger Heißsporn war – ich meine, er war unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg ein gänzlich unduldsames, strenges, rücksichtsloses, wunderbares Wesen. Heute spricht über sich selbst mit einer total entwaffnenden Aufrichtigkeit und meint, dass er selbst nicht glauben könne, wie lächerlich er gewesen sei. Aber tatsächlich ist diese Person, die Chaos verursachen wollte, zerstören wollte, mit einem messianischem Eifer behauptete, dass Musik etwas anderes sein könne – tatsächlich ist er immer noch diese Person, die nun auf sich selbst mit einer Art Ironie zurückblickt. Er ist immer noch ein Revolutionär.

Inwieweit hat er die Musikwelt beeinflusst?

Rattle: Er veränderte die Musik, er veränderte Denkweisen, er veränderte die Struktur unserer Musikwirtschaft. Viele seiner Ideen, die er umsetzte und die revolutionär wirkten, sind heute tatsächlich Teil unseres Musiklebens. Vielleicht ist das einer der Gründe, warum er so milde geworden ist.

Ihn in den vergangenen Jahren zum Beispiel bei seiner Arbeit mit der Lucerne Festival Academy zu beobachten, die er in der Absicht gegründet hatte, die nächste Generation von Musikern zu unterrichten und die einer Notwendigkeit entsprach – ihn dort mit all seiner Weisheit und seinem Humor zu erleben, seinem unbedingten Willen, Klang zu erzeugen, das alles ist... wie soll ich sagen... logisch wird dem nicht gerecht... vielleicht logisch unlogisch, am ehesten konsequent. Er ist einer der größten Komponisten unserer Zeit und darüberhinaus.

Wie stehen Sie zu Boulez als Komponisten?

Rattle: Seine Werke sind immer schöner und schöner geworden, immer sinnlicher im Lauf der Zeit – leider freilich viel zu wenige Werke. Er war immer ein Komponist, der tief gerungen hat, der zurückging, der verbessert hat. Einige seiner Werke sind noch unvollendet und werden das vielleicht für immer bleiben. Aber er hat die Musik in ein neues Licht getaucht.

Ich meine, dass es nur wenige Komponisten oder wohl Musiker jedweder Art gibt, die den gesamten Diskurs über Musik wirklich verändert haben. Ohne jeden Zweifel ist Pierre einer von ihnen. Großer Komponist, großartiger Mann, wunderbarer Kollege und ein wahrer Mensch. In all der Zeit, in all dem revolutionären Eifer, ist er Mensch geblieben, und wir haben ihn in unsere Herzen geschlossen, für immer.

Pierre jedoch war bereit, ganz auf den Grund zu gehen, den Sacre in Stücke zu zerlegen, alles nur noch schlimmer zu machen, um dann die langsame, geduldige, wichtige Arbeit anzugehen, das daraus zu machen, was es eigentlich sein sollte. Das kann auch als Sinnbild dafür stehen, was er sein ganzes Leben lang getan hat.

Wie sahen seine Proben aus?

Rattle: Als ich in meinen frühen 20er-Jahren ein Orchester für Pierre vorbereitete, hatte ich eine der lehrreichsten und demütigsten Lehren meines Lebens. Ich kehrte zum National Youth Orchestra zurück, das ich gerade erst verlassen hatte, um ein Programm für ihn einzustudieren. Danach nahm ich Le Sacre du printemps auf. Da war ich also als ungefähr 20-jähriger Dirigent mit einem Orchester zwischen 13 und 19, also [lacht] lauter Kinder zusammen in der Sandkiste. Dafür haben wir, glaube ich, unsere Sache wirklich gut gemacht. Zwei Tage, nachdem ich die Aufnahmen abgeschlossen hatte, tauchte Pierre auf und ging Le sacre du printemps vollständig durch.

Ich beobachtete, wie Pierre dirigierte und wie das Orchester spielte... »Simon, so gut wie optimal«, fühlte ich mich dabei sehr zufrieden mit mir selbst; allerdings hielt das nicht lange an. Denn nun begann Pierre zu arbeiten, begann, es zu zerlegen und den Leuten zu erklären, wie es sein sollte. Dass er alles zerlegte, war natürlich absolut faszinierend. Ich tat alles, was er nicht mochte, und ich hörte, wie es schlechter und schlechter wurde. Dann dachte ich: »Nun, das ist wirklich interessant.« Er aber baute es geduldig wieder auf, mehr als drei Stunden lang. Ich wurde des Moments gewahr, nach mehreren Stunden, in denen es sich immer mehr verschlimmert hatte, als es plötzlich begann, alles zu übertreffen [lacht], was ich mir je hätte erträumen können. Ich konnte ihn dabei beobachten, wie er nicht nur den Mut hatte, alles zu zerstören, sondern es neu aufzubauen – fast jeder andere Dirigent hätte einfach etwas mehr Makeup dazugetan oder vielleicht ein paar wenige Kleinigkeiten geändert. Pierre jedoch war bereit, ganz auf den Grund zu gehen, es in Stücke zu zerlegen, alles nur noch schlimmer zu machen, um dann die langsame, geduldige, wichtige Arbeit anzugehen, das daraus zu machen, was es eigentlich sein sollte. Das kann auch als Sinnbild dafür stehen, was er sein ganzes Leben lang getan hat. Diese drei Stunden haben mir nicht nur eine Lektion für mein Leben erteilt, sie charakterisieren auch ihn sehr, sehr gut – und das alles getragen von vollkommenster guter Laune, Geduld und Freude. Unvergesslich.


Berliner Philharmoniker
Übersetzung: Angelika Worseg
Berlin, November 2014
(c) Berliner Philharmoniker