»Wie ein gütiger Poseidon«

Weggefährten erinnern sich an Otto Tomek.



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Otto Tomek

Wenn ich das Wesen von Otto Tomek in nur einem einzigen Wort beschreiben müsste, würde ich das Wort Unbefangenheit verwenden; nicht der Urinstinkt, der die Filter des Urteilsvermögens noch nicht zu seiner Verfeinerung durchlaufen hat, sondern jener Instinkt, durch den er, nach zahlreichen Konfrontationen, ein klares Urteilsvermögen erlangt und dabei seine Begeisterungsfähigkeit bewahrt hat. Neues jagte ihm nicht nur keine Angst ein, es steigerte seine Begeisterung noch; ein Urteilsvermögen, das darüber hinaus seine Originalität erhalten hat.

Als eminenter Vertreter jener äußerst bedeutenden Enthusiasten hat Otto Tomek eine entscheidende Stellung eingenommen. Seine Unbefangenheit ist nicht nur zu einem erfrischenden Wesenszug geworden – durch sie wird er in der heutigen Musikwelt unersetzlich.
Pierre Boulez

Ich weiß nicht mehr genau, wann und wo wir uns kennen lernten – vermutlich wohl unmittelbar nach dem Krieg als Hörer am musikwissenschaftlichen Institut der Universität. Dort bin ich ihm auch nach Jahren – die Bibliothek frequentierend – wieder begegnet. Später haben wir uns öfter gesehen, als er für die Universal Edition, die ja mein Verlag ist, tätig war. Seltsamer Weise hatten wir gerade in dieser Zeit wenig Kontakt. Otto hat aber meine kompositorische Entwicklung aufmerksam verfolgt und war ein treuer Besucher meiner Konzerte. Sein Urteil war sehr selbstständig, kritisch, niemals einem Trend folgend.

Ich erinnere mich noch lebhaft an eine Aufführung des Spiegel V in den 1960er-Jahren, als er Musikchef beim WDR war. Er war von dem Stück sehr begeistert, obwohl »sein« Orchester damals meiner Musik sehr feindselig gegenüberstand. Mit der »reihe« waren wir dann einige Male in Köln; sein Interesse an sinnvollen Programmen war dem meinen gleich und wir haben schöne Konzerte mit Werken der Wiener Schule – u. a. auch die Uraufführung der posthumen Orchesterstücke (1913) von Webern – und aufwendigen, schwierigen Werken wie meinen Exercises gemacht. In den folgenden Jahrzehnten ist er nach Konzerten an verschiedenen Orten immer wieder zu mir gekommen. Wir sind dann zusammengesessen und unsere Gespräche waren durch viel Ironie und Humor geprägt, was wir beide sehr genossen haben. Von seinem angegriffenen und sich zunehmend verschlechternden Gesundheitszustand habe ich durch Clytus Gottwald erfahren und ihn gebeten, ihm Grüße und Genesungswünsche zu übermitteln. Wie oft sie ihn noch erreicht haben, weiß ich nicht.

Ich hatte Otto gegenüber immer das Gefühl einer lange währenden Freundschaft, auch wenn sie sich gleich­sam auf Distanz vollzogen hat; er gehörte zum Kreis meiner Freunde, der sich freilich in den letzten Jahren sehr gelichtet hat.
Friedrich Cerha

Otto Tomek verdanke ich vieles. Er war wohl die treibende Kraft, die die Zusammenarbeit zwischen der Universal Edition und mir ermöglicht hatte. Er war ein väterlicher Freund. Seine überbordende Herzlichkeit war immer gepaart mit der Unerbittlichkeit klarer, ausschließlich künstlerisch bedingter Entscheidungen. Er wird uns fehlen.
Georg Friedrich Haas

Otto Tomek gehörte zu den Persönlichkeiten, die schwer einzuordnen sind, wenn man sie kennen lernt oder wenn man zum ersten Mal das Glück hat, ein ­Gespräch mit ihnen zu führen. Es kommt mir so vor, als ob er immer anwesend gewesen wäre, obwohl wir manchmal lange Zeit keine Gelegenheit hatten, unsere Eindrücke freundschaftlich auszutauschen.

Sicher ist jedoch, dass wir vom ersten Moment an einen interessanten Dialog über irgendein Projekt führten oder uns etwas vorstellten, was dann später realisiert wurde. Viele Jahre lang verband uns eine enge Freundschaft. In dieser Zeit entstanden wie aus dem Nichts Projekte und deren Durchführung. Logischerweise drehten sich unsere Gespräche auch um Vorstellungen, die jedoch nicht die Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit überschritten. Wir erlebten Jahre, in denen vieles möglich war und man Pläne entwickeln konnte, die man unter Einsatz von Willenskraft, entsprechender Opferbereitschaft und auch körperlicher Anstrengung zu Ende führen konnte.

Dieses glückliche Ende erreichte man aber nur, wenn man einen Menschen wie Otto Tomek an seiner Seite hatte, der wusste, wo man seine Kräfte einsetzen musste und was der Einzelne zu tun hatte, der aus der Mittelmäßigkeit hervortreten und Außergewöhnliches leisten wollte.

Ruhe in Frieden, Freund Tomek. Du hattest die Gabe, eine Atmosphäre zu schaffen, in der die Komponisten Musik schreiben konnten, die zu den besten Werken des 20. Jahrhunderts zählt. Dies wird jahrhundertelang Bestand haben. Danke.
Cristóbal Halffter

Otto Tomek hatte stets etwas Ermutigendes, zum ­Leben, zur Tätigkeit ermutigend. Immer ein klarer Blick – in die Möglichkeiten, selbst dort, wo das Handeln umstellt schon von Widrigkeiten, von Entgegenwirkendem: Otto kannte einen Ausweg, er sah die Möglichkeits-Sphären. So hat er Geschichte bewirkt, Musikgeschichte, schon sehr früh.

Für mich war Otto schon in meiner Jugend ein schaffender Teil, ein Teilnehmer, Anteilnehmer, mit immer positiver Richtungsweisung im oft engen Betrieb, der sich um die Musik versammelt – und den er immer überragte, schon physisch. Er hatte das Sagen und etwas zu sagen. Unzählig sind die Begegnungen – und sie verstanden sich in der Rückschau zu einer Art großen Begegnens – bei denen es mir einen Weg eröffnete, manchmal einen Ausweg wies, immer einen Freiraum eröffnete. Dankbare Gefühle mischen sich ein in die Wärme und Frische seiner erinnerten Gegenwart. Ich weiß gar nicht, wie ich das genauer erklären soll – aber Otto erschien mir immer, als käme er von »draußen« (wo es frischer ist, wo es bessere Luft gibt – so, in diesem Sinne) »herein«, und er verbreitete eine hoffnungsvolle Atmosphäre, sofort, in der alle Bedenkenträger noch mehr in sich einsanken.

Ottos liebenswertes und dabei kraftvolles Wesen empfand ich auch stets als eine Art geglücktes Bild: So kann ein Mann sein. Den Sinnen zugewandt, sein Feld kraftvoll bestellend und eben jene Zuversicht aussendend, die ermutigt, dem kleinlichen Kram entgegenzutreten, der sich überall regt, um zu verhindern, was sich schön entfalten könnte.

Sein herzerfrischendes Wesen wird uns weiter ein­beziehen in eine freie Sicht auf die Welt. Die so ist, wie sie ist, durch Otto Tomek aber eine hellere.
Wolfgang Rihm

Ich habe Otto Tomek während meines Studiums in Karlsruhe kennen gelernt. Seinen Namen kannte ich damals noch nicht. Er war ein älterer Mann, der bei fast allen Konzerten mit Neuer Musik dabei war. Dabei hörte er auch unzählige Stücke von Kompositionsstudenten. Immer neugierig, strahlend, interessiert. Erst später habe ich erfahren, dass dieser Mann »der« Otto Tomek war. Ich wunderte mich: Was findet er an unseren anfänglichen Kompositionsversuchen, nachdem er das ganze ­Repertoire des 20. Jahrhunderts unmittelbar miterlebt hat? Wie hört sich das für ihn an? Warum kommt er wieder? Es war ein Rätsel.

Später bin ich ihm noch öfters begegnet, als wir bereits bekannt waren. Er kannte mich als Komponisten, ich ihn als Otto Tomek. Wir haben öfters über verschiedene Themen diskutiert. Er blieb aber immer gleich: interessiert und neugierig. Jetzt erst sehe ich es: Seine Neugierde ist ein essentieller Bestandteil des Phänomens »Otto Tomek«. Ohne diese Offenheit und immer forttreibende Energie für ununterbrochenes Suchen hätte sich die Musik der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ganz anders ent­wickelt. Große Dinge können erst dann entstehen, wenn sie mit Aufmerksamkeit für das Kleine und Unbekannte umgeben sind. Das habe ich von ihm gelernt und für mein Leben mitgenommen.
Vykintas Baltakas

Im Frühjahr 2000, ich war 25 Jahre alt und noch im Studium, habe ich Otto anlässlich der Uraufführung meines Vielleicht zunächst wirklich nur durch das Ensemble Modern im Wiener Konzerthaus kennen gelernt.

Dieses erste Treffen, gleichzeitig auch der Beginn meiner wunderbaren Zeit bei der Universal Edition, machte mir klar: Wenn ein so hellsichtiger, großzügiger und herzlicher Mann die Geschicke eines Verlages maßgeblich bestimmt, dann handelt es sich dabei um weit mehr als einen Verlag. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Universal Edition und ihre Komponisten kamen mir vielmehr von Anfang an wie eine bunte, vielköpfige Großfamilie vor, über die Otto als großväterlich gerechtes und humorvolles, für jeden ein offenes Ohr habendes Familienoberhaupt milde und schützend wachte.

Otto schien mir über all die Jahre, da ich ihn kennen und treffen durfte, wie ein gütiger Poseidon, der jungen Komponisten einen sicheren Hafen und einen vor scharfen Winden und Wetterkapriolen geschützten Ankerplatz bot. Dem Entstehen neuer Werke begegnete Otto stets mit der ihm eigenen Mischung aus Wohlwollen, Begeisterungsfähigkeit und bedingungsloser Neugier.Ich vermisse Otto sehr!
Johannes Maria Staud

De mortuis nil nisi bene.
Bei Otto Tomek ist diese Mahnung überflüssig: Er war ein außerordentlicher Mensch, eine große Persönlichkeit; ihn konnte man nur verehren und lieben.

Er war auch bescheiden: Jedes Lob, jedes Zeichen der Dankbarkeit brachten ihn in Verlegenheit. Ich habe trotzdem immer wieder versucht, ihm meine Wertschätzung und Zuneigung zu versichern – ihm zu Lebzeiten zu sagen, was sonst gewöhnlich erst in einem Nachruf steht.

Als ich am Tag nach seinem Tod seine Telefonnummer wählte, um seiner Frau mein Beileid auszusprechen, war der Anrufbeantworter noch eingeschaltet. Ich hörte seine liebe, joviale Stimme mit dem vertrauten Lächeln: Er versprach: »Wem Ihr Anruf gilt, wird Sie zurückrufen.«

Bei Otto wäre es gar nicht so unvorstellbar, dass er sich so oder so noch meldet. Er war überzeugt, dass der Tod einen »sanften Übergang«, wie er es ausdrückte, in eine andere Sphäre bedeute und es Mittel gebe, womit sich der Kontakt aufrechterhalten ließe. Er hat sich seit Jahren auf diesen Übergang vorbereitet. Sein Koffer war längst gepackt, zumal seine Gesundheit ihn seit längerem im Stich gelassen hatte; die Operationen und Behandlungen verliefen mit unnötigen und unvorhersehbaren Komplikationen. Sein robuster Körper hielt sie nicht mehr aus; geschwächt, müde, aber heiter nahm er Abschied.

Ein wiederkehrendes Thema unserer Gespräche war das meines Erachtens viel zu schleppende Tempo, mit dem er sein reiches Archiv an Korrespondenz mit den wichtigsten Komponisten der Nachkriegszeit, ihre ­Partituren und Manuskripte sichtete und ordnete. Ich versuchte auch, ihn zu überreden, seine Erinnerungen an seine Tätigkeit im internationalen Musikleben mit Schwerpunkt Deutschland und Österreich für die Nachwelt festzuhalten. Er lehnte ab.

Das ist unser Verlust: Otto Tomek war eine der Schlüssel­figuren in jenen epochalen Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Rundfunkanstalten in der Bundesrepublik Deutschland über das Sendungsbewusstsein und die nötigen finanziellen Mittel verfügten, die zeitgenössische Musik zu fördern, Aufträge zu vergeben, Konzerte und Festivals zu veranstalten: den Lauf der Musikgeschichte positiv zu beeinflussen.

Er war einer der Letzten – vielleicht der Letzte – jener Generation, der Heinrich Strobel oder Wolfgang Stein­ecke auch angehörten. Er hinterlässt eine Lücke, auch in meinem persönlichen Leben. Otto Tomek bleibt aber auch präsent: in uns, Erben seines Lebenswerks.
Bálint András Varga